Ist Low Carb schon für Kinder gesund?

Low Carb – also wenig Kohlenhydrate – ist für Erwachsene, die abspecken wollen, gerade angesagt. Sie verzichten auf Brot, Nudeln, Kartoffeln, Wurzelgemüse, Süßes und Früchte. Zucker und Weißmehl sind total gestrichen! Und tatsächlich nehmen sie zunächst ab – auch wenn das nachweislich nicht von Dauer ist. Doch wer Erfolg hat und sich besser fühlt, möchte auch seinem molligen Nachwuchs Gutes tun. Aber Low Carb für Kids, die ja noch im Wachstum sind? Fehlt da nicht etwas? Wie sind die langfristigen Konsequenzen? Das erfahren Sie in diesem Artikel.

Herzlichst
Ihre Dagmar von Cramm

Was bedeutet Low Carb eigentlich?

Low Carb kommt aus dem Englischen und bedeutet übersetzt „wenig Kohlenhydrate“. Normalerweise spielen diese – neben Fett – die wichtigste Rolle für die Deckung des Energiebedarfs. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt eine Energiezufuhr in Form von Kohlenhydraten von etwa 55 %, dazu kommen 30 % Fett und 15 % Eiweiß. Bei einer Low-Carb-Ernährung wird die Kohlenhydratzufuhr auf unter 40 % der Gesamtenergieaufnahme reduziert. Dadurch steigt der Fett- und Eiweißgehalt automatisch an. Noch extremer ist die Keto-Diät, wo der Anteil auf 20 bis 10 % sinkt. In der Praxis bedeutet dies eine deutliche Einschränkung von kohlenhydratreichen Lebensmitteln wie Brot, Pasta, Reis, Kartoffeln, aber auch Backwaren, Obst und Gemüse. Dadurch steigt automatisch der Anteil von fett- und eiweißreichen Lebensmitteln in der Ernährung wie Fleisch, Milchprodukte, Fisch und Ei. Pizza gibt es nur noch mit Blumenkohlboden, Pasta aus eiweißreichem Soja- oder Linsenmehl. Und was gibt es eigentlich als Schulbrot? Eiweißbrot mit Würstchen? Das normale Essen in der Gemeinschaft wird in jedem Fall schwierig – ganz zu schweigen von Kindergeburtstagen und Schulfesten.

Hilft Low Carb gegen Übergewicht bei Kindern?

Bei einer Low-Carb-Diät kommt es in kurzer Zeit zu einem großen Gewichtsverlust. Wie funktioniert das? Es kommt zu einer Stoffwechselumstellung. Bei einer geringen Zufuhr von Kohlenhydraten wird der Speicher an Glukose (Traubenzucker) im Körper schnell geleert. Das Gehirn braucht jedoch Glukose als Nahrung. Für diesen Fall ist unser Körper gerüstet, er kann aus Fett in der Leber sogenannte Ketonkörper herstellen. Dazu greift er auf die Fettreserven des Körpers zurück. Zur kurzfristigen Gewichtsabnahme zeigen Low-Carb-Diäten deshalb positive Effekte. Langfristig finden sich jedoch keine Unterschiede zu anderen Diäten: Sie alle sind auf lange Sicht nicht erfolgreich. Wenn Ihr Kind zu viel wiegt, gibt es wirkungsvollere Möglichkeiten, um Gewicht zu verlieren. Mit der wichtigste Faktor ist ausreichende Bewegung, vor allem genug Alltagsbewegung. Bewegt sich Ihr Kind genug? Hat es einen aktiven Alltag? Nehmen Sie von jetzt an zusammen mit Ihrem Kind lieber die Treppen als den Fahrstuhl oder die Rolltreppe. Vielleicht hilft auch ein Schrittzähler oder eine App, die die Schritte und Stufen zählt. Das kann einen heilsamen Wettkampf in der Familie auslösen und das Bewusstsein für die eigene körperliche Fitness wecken. Aber die wichtigste Rolle spielt die Ernährung: Man kann nicht nur durch mehr Bewegung Übergewicht abbauen. Isst Ihr Kind abwechslungsreich und frisch oder mag es Fast Food und Süßigkeiten? Trinkt es Säfte und andere Süßgetränke – oder Wasser? Gibt es feste Mahlzeiten oder isst jeder, wann er will? Das alles sind Faktoren, die zu Übergewicht führen – und nicht etwa Vollkornbrot oder Nudeln aus Hartweizen oder der Nachtisch nach einem vollwertigen Mittagessen.

Langfristige negative Folgen von Low Carb

Durch die eingeschränkte Kohlenhydrataufnahme bei einer Low-Carb-Ernährung wird viel mehr Fett und Eiweiß aufgenommen als empfohlen. Das hat langfristig nicht nur Auswirkungen auf den Körper, sondern auch auf Umwelt und Klima. Denn besonders reich an Eiweiß und Fett, aber arm an Kohlenhydraten sind vor allem Lebensmittel tierischen Ursprungs wie Fleisch, Fisch, Ei und Milchprodukte. Und die belasten unsere Klima eben viel mehr als die Produktion pflanzlicher Lebensmittel. Doch auch für die Gesundheit Ihres Kindes ist Low Carb nicht positiv:

  • Ballaststoffe sind vor allem in Getreide – am besten Vollkorn –, Gemüse, Nüssen und Saaten enthalten. Kinder bekommen zu wenig davon. Wenn sie fehlen, dann wird die Verdauung träge und die guten Darmbakterien verlieren ihre Nahrung. Folge: Die Immunabwehr leidet.
  • Pflanzliche Lebensmittel liefern jede Menge wasserlösliche Vitamine, Betacarotin, Bioaktiv- und Mineralstoffe. Vor allem das Wachstumsvitamin Folsäure und das schützende Betacarotin sind knapp. Kalium und Magnesium sind in pflanzlichen Produkten enthalten und für die Bewegungsabläufe besonders wichtig.
  • Eine hohe Eiweißzufuhr kann die Nieren belasten, weil der Überschuss an Eiweiß ausgeschieden werden muss.
  • Gesättigte Fettsäuren aus Fleisch- und Milchprodukten erhöhen den Cholesterinspiegel und so das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Letzten Endes führt Low Carb zu viel Fertigprodukten, weil natürliche, vollwertige Lebensmittel pflanzlichen Ursprungs eben nicht low carb sind. Eine extreme Form von Low Carb ist die Keto-Kost. Da sinkt der Kohlenhydratanteil weiter auf unter 20 %, die oben genannten Risiken steigen. Diese extreme Ernährung ist für Kinder absolut ungeeignet.

Lieber Slow Carb!

Gute Kohlenhydrate sind vor allem in Pflanzen enthalten. Die wandeln Sonnenenergie in ihrem Stoffwechsel mithilfe von Chlorophyll in Kohlenhydrate um – je nach Pflanze auch in etwas Fett und Eiweiß. In ihrer ursprünglichen Form sind sie reich an Nährstoffen und sorgen dank Ballaststoffen für eine lange Sättigung. Getreide, Getreideprodukte und/oder Kartoffeln sollten vor allem für Kinder täglich auf den Tisch kommen. Pro Tag dürfen es bis zu 4 Portionen Getreideprodukte sein. Auf eine Woche gesehen sollte es mindestens 2-mal Vollkorn und 2-mal Kartoffeln geben.

  • Brot ist die Basis unserer Alltagskost. Deshalb sollte es größtenteils aus Vollkorn sein. Die Farbe allein sagt wenig aus: Checken Sie die Zutatenliste! Nur wo Vollkorn draufsteht, ist Vollkorn drin.
  • Cerealien sollten frei von Zucker sein. Einfach Hafer-, Dinkel-, Gersten- oder Hirseflocken, kombiniert mit Nüssen, Obst und Milchprodukten sind die beste Wahl.
  • Sättigungsbeilagen sind reich an Kohlenhydraten: Pasta, Reis, Bulgur und Couscous oder ganze, vorgedämpfte Körner von Weizen, Dinkel und Hafer sind der Teil einer Mahlzeit, die Volumen haben und gleichzeitig jede Menge Energie liefern. Auch hier gilt: je mehr Vollkorn, desto besser.
  • Gemüse kann ebenfalls kohlenhydratreich sein: Gerade Wurzeln und Knollen, die der Pflanze als Speicher dienen, zählen dazu. Aber eben sie sind reich an Ballaststoffen, also wichtig. Drei Kinderhände voll Gemüse am Tag sind ideal!
  • Früchte sind besonders reich an Kohlenhydraten. Deshalb am besten im Ganzen und roh anbieten und nicht etwa als Saft. Und nicht mehr als zwei Portionen am Tag: zwei Kinderhände voll!

Letzten Endes sind Kohlenhydrate an sich nicht schlecht! Nur was wir aus ihnen produzieren – Zucker, weißes Mehl, Stärke –, enthält nichts mehr von dem, was sie wertvoll macht. Die ursprünglichen Kohlenhydrate dagegen tun uns gut. Sie werden auch als „Slow Carb“ bezeichnet, weil sie unseren Blutzuckerspiegel nur langsam ansteigen lassen. Und genau das macht sie zu einem wertvollen Nährstoff.

Auf die Portion kommt es an

Auch vom Guten kann man zuviel essen –das gilt ebenso für die guten Kohlenhydrate. Hier eine kleine Richtschnur, wieviel Ihr Kind eigentlich davon braucht.

Gericht Portionsgröße Kindergartenkind Portionsgröße Schulkind
Kartoffeln als Beilage 100 g 150 g
Kartoffeln als Hauptgericht 200 g 250 g
Reis und Nudeln (roh gewogen) als Beilage 40 g 60 g
Reis und Nudeln (roh gewogen) als Hauptgericht 50 g 80 g
Brot und Brötchen als Beilage 45 g 100 g
Brot und Brötchen zum Sattessen 70 g 150 g