Ich esse meine Suppe nicht

Wenn Essen auf dem Tisch steht, dann herrscht nicht immer ungeteilte Begeisterung. Die einen verziehen bei bestimmten Lebensmitteln das Gesicht, andere bemäkeln einfach die Zubereitung: zu heiß, zu kalt, zu scharf, zu weich ... Und mancher hätte sich insgeheim lieber etwas anderes gewünscht. Besonders kritisch beäugt werden die Familienmahlzeiten von den Kleinsten, die vor allem im Alter von 3 bis 6 sehr pingelige Esser sein können. Hier reicht oft, dass das Brot ungefragt halbiert wurde, das Obst eine Macke hat, die Sauce auf und nicht neben den Nudeln landet oder das Essen zu heiß ist, damit die Tränen kullern. Die meisten dieser Marotten verschwinden wieder, wenn man sie nicht beachtet. Nehmen Sie es also mit Gelassenheit und Geduld: Es wächst sich aus.

Herzlichst
Ihre Dagmar von Cramm
Familienmahlzeiten gemeinsam gestalten

Probieren ohne Zwang

Ein Essen wenigstens zu probieren ist gut und richtig. Nur so werden wir motiviert, Neues zu testen, an das wir uns alleine nicht wagen würden, und nur so können Essvielfalt, Abwechslung und Geschmack sich entfalten. Machen Sie es zum Ritual, also zur festen Regel in Ihrer Familie, dass von jedem Gericht wenigstens ein Löffelchen gekostet wird. Wer nicht mag, muss nicht weiteressen. Mit der Zeit wird Ihr Kind so seinen Geschmackshorizont erweitern und sich an Neues gewöhnen. Geben Sie nicht auf: Bis zu 15-mal muss ein Kind ein Gericht essen, um es zu mögen. Den „Mere-exposure-Effekt“ nennt das die Wissenschaft. Und er kostet Eltern viel Nerven. Aber es lohnt sich!

Vorbild sein!

Wen wundert es, dass das eigene Kind bestimmte Lebensmittel links liegen lässt, wenn die Eltern selbst nicht zugreifen? Kinder orientieren sich an den Großen. Ablehnung wirkt dabei viel stärker als Vorlieben. Wenn Papa das Grünzeug ablehnt, kann Mama den Salat noch so lieben: Beim Nachwuchs hat er dann keine Chance. Mit gutem Beispiel vorangehen sollten daher Eltern gerade bei „Gesundem“ beherzt zulangen und damit Appetit auch auf weniger Beliebtes machen.

Von Esslust zu Essfrust

Gerade die frühe Kindheit ist eine Phase, die den Grundstein für Vorlieben und Abneigungen legt. Hier können spätere Essprobleme vorprogrammiert werden. Wer gezwungen wurde, bestimmte Dinge aufzuessen, entwickelte nicht selten eine Abneigung dagegen. Wer regelmäßig eine Strafe absaß, indem er nicht am Familienessen teilnehmen durfte, verbindet Negatives mit einer Mahlzeit. Wer oft mit Süßigkeiten belohnt oder getröstet wurde, sucht oft auch später Trost in Süßem. Wem bestimmte Speisen verboten wurden, der hat ein stärkeres Verlangen nach genau diesen. Daher sollte Essen niemals zur Belohnung oder Bestrafung eingesetzt werden.

Auf den Geschmack kommen

Die Familienmahlzeit ist kein À-la-carte-Essen – schließlich muss es allen schmecken. Trotzdem hilft es, wenn Kinder ihre Wünsche einbringen können und es auch einmal ihr Lieblingsgericht gibt. Geschichten über das, was da auf den Tisch kommt, weckt Neugier und Appetit. Und auch bei der Zubereitung lassen sich Vorlieben berücksichtigen. So bringt der Griff in die Trickkiste auch manchen Gemüsemuffel zum Ausprobieren: Leckere Frucht-Gemüse-Smoothies in knalligen Farben, Karottenstücke im Waffelteig oder rosa Kartoffelstampf mit Roter Bete – die Fantasie isst mit. Auch lustige Namen heizen den Appetit an: Wie wäre es mit einer Lava- statt einer Gemüsesauce oder mit grünem Schnee, der über die Gerichte rieselt, statt Kräutern?

Essen mitgestalten

Do it yourself punktet auch beim Essen: selbst geerntet, selbst geschnibbelt, selbst gerührt. Kinder können so stolz sein, wenn sie beim Essen mitwirken dürfen. Die selbst gekochte Sauce schmeckt natürlich doppelt so gut und beim Abschmecken sind schon viele auf den Geschmack gekommen. Bereits ab dem Kindergartenalter können die Kleinen aktiv werden und sich auch ihre Essportionen selber nehmen. Als Eltern ist es unsere Aufgabe, eine gesunde Auswahl anzubieten, aber Kinder dürfen und sollten selbst entscheiden, wie viel sie davon essen. Mit einem gemeinsam entworfenen Speiseplan fühlt sich jeder angesprochen und kann mitentscheiden. Auch einfache Einkäufe können Schulkinder bereits selbst erledigen und so einen wichtigen Teil zum gemeinsamen Familienessen beitragen. Zugleich erleben sie, was für die Zubereitung einer Familienmahlzeit gebraucht wird, und lernen, den Aufwand hierfür ganz anders zu schätzen.

Kinderknigge aktuell

Wichtig für eine gelungene Familienmahlzeit ist, dass alle sich an die Regeln halten. Wie weit der Kinderknigge geht, entscheidet jede Familie für sich. Zum Einmaleins der Tischmanieren gehört etwa, aufrecht zu sitzen, nicht mit vollem Mund zu sprechen, nicht zu schmatzen, die Ellenbogen vom Tisch zu nehmen, mit Besteck zu essen und auch die Serviette zu benutzen. Grundregel sollte sein, die „Mitesser“ nicht zu stören, ihnen nicht den Appetit zu verderben und jedem genug Raum am Tisch zu lassen. Gemeinsam zu beginnen und sitzen zu bleiben, bis zumindest alle Kinder fertig gegessen haben oder die Eltern es erlauben, sollte bereits im Kindergartenalter geübt werden. Nur so wird die Familienmahlzeit zu einer ruhigen Zone, in der sich Gespräche und Gemeinsamkeiten entfalten können. Wenn Kinder von Anfang an ganz selbstverständlich mit Tischmanieren vertraut gemacht werden, können sie auch beim Familienessen im Restaurant punkten.

Tipps für ein gelungenes Familienessen

Das gemeinsame Tischdecken, das appetitliche Anrichten, Rituale wie ein Tischspruch, das Anzünden einer Kerze und positive Tischgespräche schenken Ruhe und eine entspannte Essatmosphäre. So schmeckt es gleich viel besser. Alles, was ablenkt, sollte daher am Tisch tabu sein. Dazu gehören in der Regel auch das Handy bei den Großen und Spielsachen bei den Kleinen, TV oder Videos. Denn die gemeinsame Mahlzeit ist eine wunderbare Gelegenheit, miteinander zu reden – das kommt im Alltag nicht mehr so oft vor.