Entspannt durch die Trotzphase

Gerade an der Supermarktkasse spielen sich oft Dramen ab. Wenn ein Kleinkind nicht bekommt, was es will – in dem Fall etwas Süßes –, geht die Post ab: Es brüllt, wirft sich auf den Boden und explodiert förmlich. Jeder von uns hat eine ähnliche Trotzreaktion schon erlebt, doch wie sollte man sich in dieser Situation verhalten? Nachgeben, damit die anderen nicht gestört werden? Oder konsequent bleiben und den Ausbruch vorübergehen lassen? In diesem Newsletter geht es ums Thema Trotzalter – und wie Sie am besten damit umgehen. Zu Ihrem Trost: Es geht vorbei – und ist wichtig für Ihr Kind.

Herzlichst
Ihre Dagmar von Cramm

Kinder in der Trotzphase

Was ist die Trotzphase?

Nach Freud, dem Begründer der Psychoanalyse, fällt die Trotzphase in die anale Phase, in der das Kind lernt, seine Ausscheidungen zu kontrollieren; es trifft auf Anforderungen von seiner Umwelt und lernt das eigene „Ich“ kennen.

Maria Montessori vertrat die Theorie, dass das Kind sich nach seinem eigenen Bauplan entwickelt und sich gegen direkte Einflussnahme auf sein Verhalten sträubt. Versuchen wir Erwachsenen, ihm Gehorsam aufzuzwingen, kommt es zu einem offenen „Kampf“, bei dem das Kind sich mit dem oben beschriebenen Verhalten gegen uns zur Wehr setzt.

Wann beginnt und endet die Trotzphase?

Etwa am Ende des 1. bis zum Anfang des 2. Lebensjahres treten plötzliche Wutausbrüche zum ersten Mal auf. Davor, bis zum Alter von etwa eineinhalb Jahren, orientiert sich das Kind an der Mutter und sieht sich selbst noch nicht als eigenständige Person.

Nach und nach findet eine Wandlung statt: Das Kind beginnt, sich im Spiegel zu erkennen, und bemerkt, dass es autonom handeln kann. Im Vorschulalter, also mit etwa 5 Jahren, werden solche Trotzanfälle weniger, bis sie schließlich nicht mehr auftreten. Die folgende Grafik zeigt die Trotzphase und mit ihr zusammenhängende Stufen der Persönlichkeitsentwicklung bis zum 3. Lebensjahr:

Trotzphase: Stadien der Ich-Entwicklung im 2. und 3. Lebensjahr

Abb. 1: Stadien der Ich-Entwicklung im 2. und 3. Lebensjahr

Trotzphase: Welches Verhalten ist noch normal?

Ohne ersichtlichen Grund beginnt das Kleinkind, aufgrund von Frustration zu

  • brüllen
  • toben
  • schreien
  • um sich zu schlagen oder
  • sich selbst zu verletzen, indem es zum Beispiel seinen Kopf auf den Boden schlägt.

All diese Verhaltensweisen und noch viele weitere können auftreten.

Auf den ersten Blick können sie sehr dramatisch wirken, sind jedoch nie gefährlich. Selbst wenn das Kind einen Schreianfall bekommt und sogar scheinbar ohnmächtig wird, müssen Sie nicht sofort den Notarzt rufen. Das Ganze dauert nur sehr kurz an und schädigt das Kind nicht.

Nur wenn ein solcher Anfall ohne vorangegangene Frustration und Ärger aus heiterem Himmel auftritt, ein Trotzanfall also ausgeschlossen werden kann, sollten Sie zum Arzt gehen.

Warum ist die Trotzphase für mein Kind wichtig?

Das Kind lernt, das eigene Handeln selbst zu bestimmen und einen eigenen Willen zu entwickeln. Damit verbunden ist auch die Abgrenzung von anderen, der auch durch ein „Nein!“ Ausdruck verliehen wird. Das Handeln trifft entweder auf von außen kommende Grenzen wie „Nein, du solltest da jetzt nicht hochklettern, das ist zu gefährlich“ oder „Nein, es gibt jetzt kein zweites Eis“.

Oder es begegnet Grenzen der eigenen Fähigkeiten: Das Kind erkennt nicht, dass das Puzzleteil nicht an eine bestimmte Stelle passt. Oder es gelingt ihm nicht, einen Turm zu bauen. Oder es verliert beim Memory-Spiel. Dies alles führt zu einer Frustration, die wiederum einen Wutanfall beim Kind auslösen kann.

Das Kind versucht zunächst, gegen alle Widerstände aggressiv anzugehen, bis es schließlich lernt, wann und wozu der eigene Wille nützt und wo sich unüberwindbare Grenzen des eigenen Handlungsspielraums befinden.

Dies ist wichtig für das Sozialverhalten des Kindes: Was darf ich mir erlauben und wo sollte ich mich zurücknehmen? Geht man der Provokation aus dem Weg, wird sie nicht abebben, sondern es wird zu immer schlimmeren Trotzreaktionen kommen, bis das Kind eindeutig weiß, ob das Verhalten erlaubt ist oder nicht.

Wie gehe ich damit um, wenn mein Kind einen Trotzanfall hat?

Wenn Ihr Kind gerade angefangen hat, trotzig zu reagieren, versuchen Sie, es abzulenken. Ein „Oh, du findest deine Murmeln nicht? Lass uns mal den Teddybär fragen, ob er sie vielleicht gesehen hat“ kann helfen, bevor es zum Ausbruch kommt.

Doch wenn es erst einmal explodiert, bringt gutes Zureden nichts: Das Kind selber erlebt den Wutanfall wie eine starke Naturgewalt und ist für gutes Zureden einfach nicht erreichbar.
Auch Bestrafungen oder Drohungen führen zu nichts: Ihr Kind ist ja in dem Moment selber unglücklich und außer sich. Außerdem stellen solche Situationen einen normalen Entwicklungsschritt Ihres Kindes dar, den es durchleben muss.

Trotzanfälle lassen sich nicht verbieten!

Manchen Kindern hilft es, in den Arm genommen zu werden, andere möchten für sich bleiben.

Aufmerksamkeit verstärkt die Reaktion, deshalb ist es oft ratsam, sich ein Stück zu entfernen oder den Raum für eine Minute zu verlassen. Merkt das Kind, dass es mit seinem Verhalten keinen Erfolg hat, ebbt die Wut nach wenigen Minuten ab. Das Kind hört ganz von selbst auf zu schreien.

Insgesamt ist ein Erziehungsstil empfehlenswert, der von Wertschätzung, Respekt, Akzeptanz gegenüber dem Kind und Sicherheit bestimmt ist. Bei der Erziehung sollte generell klar zum Ausdruck gebracht werden, welches Verhalten vom Kind erwartet wird und welches Verhalten nicht okay ist.
Dem Kind wird warmherzig und offen, gleichzeitig aber auch konsequent und fordernd begegnet. So fühlt es sich ernst genommen und unterstützt, lernt aber auch, sich in die Perspektive des Gegenübers hineinzuversetzen.

Typisch Trotzphase - Was tun, wenn...

Übersicht: Was mache ich, wenn ...?

... mein Kind sich noch nicht in die Trotzreaktion hineingesteigert hat? Ablenken ("Oh, das Puzzle passt da nicht hin? Komm wir schauen mal kurz, ob der Kirschbaum draußen schon blüht, und danach suchen wir zusammen weiter.")
... mein Kind sich auf dem heimischen Wohnzimmerboden schreiend herumwälzt? Verständnis signalisieren, dann das Kind kurz allein lassen oder sich im Raum etwas distanzieren: „Ich verstehe, dass dich das ärgert, aber Schreien hilft da auch nicht. Ich gehe jetzt mal kurz rüber, bis du dich beruhigt hast.“
... mein Kind in der Öffentlichkeit einen Trotzanfall bekommt und ich von allen Seiten vorwurfsvolle Blicke zugeworfen bekomme? Ruhig bleiben! Nicht nachgeben, auf gut gemeinte Ratschläge hin lächeln. Ich weiß, es ist nervenaufreibend. So schnell es geht den Schauplatz der Wut verlassen.
... mein Kind sich während des Trotzanfalls selbst verletzen könnte? Meist sieht die Trotzreaktion dramatischer aus, als sie ist. Im Zweifelsfall ziehen Sie Ihrem Kind einen Fahrradhelm über den Kopf, wenn es den Kopf auf den Boden schlägt, oder halten es so sanft wie möglich fest.
... mein Kind nicht aufhört zu schreien? Schenken Sie der Trotzreaktion nicht zu viel Aufmerksamkeit! Wenn Sie den Raum kurz verlassen oder sich mit etwas anderem beschäftigen, wird das Kind schnell selbst merken, dass es mit Schreien nicht an sein Ziel kommt.

Was, wenn die Trotzphase ausbleibt?

Da die Trotzphase einen normalen Schritt der kindlichen Entwicklung hin zur Ich-Bildung darstellt, ist es wichtig, dass sie stattfindet. Bei manchen Kindern tritt sie früher, bei anderen erst später auf. Manche Kinder sind ruhiger und introvertierter, andere lauter. Hat beispielsweise Ihr erstes Kind eine sehr langwierige, intensive Trotzphase durchlebt, kann es Ihnen so vorkommen, als ob diese bei Ihrem zweiten Kind ausbleiben würde. Doch vielleicht zeigt sie sich einfach später oder weniger intensiv. Ganz ohne geht es nicht.

Was sollte ich bei einem Trotzanfall beachten?

Sie sollten Ihrem Kind immer Verständnis und Fürsorge signalisieren. Sätze wie „Ich verstehe, dass dich das ärgert!“ helfen dabei, dass das Kind sich ernst genommen fühlt. Es ist in diesem Moment ja selber höchst unglücklich! Dennoch sollten Sie unnachgiebig auf Grenzen beharren, die Ihnen wichtig sind. Sonst lernt das Kind, dass Trotz ein bewährtes Mittel ist, seinen Willen durchzusetzen. Wichtig ist, die Trotzanfälle nicht als Zeichen mangelnden Respekts oder Zuneigung, sondern als normalen Entwicklungsschritt zu betrachten. Mit dem Wissen über die Trotzphase, Empathie und vor allem sehr viel Geduld werden Sie mit Ihrem Kind auch diese Entwicklung gut überstehen.