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Baby-led Weaning: Was heißt das eigentlich und tut es gut?

„Breifrei“ oder auch „BLW“ ist der aktuellste Trend in der Säuglingsernährung. Statt mit dem Löffel gefüttert zu werden, soll das Kind nach seinem eigenen Appetit Fingerfood futtern – im Idealfall zusätzlich zur Stillmahlzeit. Die Meinungen zu diesem Thema sind geteilt. Welche Vor- und Nachteile hat diese neue Art der Säuglingsernährung? Ist sie praktikabel? Ich bin auch in diesem Fall für Kompromisse und gegen starre Vorschriften. Aber bilden Sie sich selber eine Meinung.

Herzlichst
Ihre Dagmar von Cramm

Was ist Baby-led Weaning (BLW)?

BLW meint die Entwöhnung von der Milchnahrung und die Einführung von fester Nahrung, ohne dabei Brei zu füttern. „Weaning“ ist ein englischer Begriff und bedeutet übersetzt Entwöhnung. BLW heißt also die vom Baby gesteuerte Entwöhnung. Es wird nicht mehr gefüttert, sondern entscheidet selbst, ob, was und wie viel es essen will. Deshalb soll die Mutter ihrem Kind die Nahrung auch nur anbieten und es nicht füttern oder ihm gar den Löffel aufzwingen. Beim BLW wird das Kind überhaupt nicht gefüttert, sondern es lernt selbstständig, die Nahrung in den Mund zu befördern. Seine Hauptnahrung bleibt weiterhin die Muttermilch, bis nach und nach feste Nahrung überwiegt. Das dauert so lange, bis es damit vollständig seinen Bedarf an lebensnotwendigen Nährstoffen deckt – sprich: satt wird.

BLW passiert oft auch unbewusst. Irgendwann fängt das Baby, das auf dem Schoß der Eltern sitzt, an, nach der Nahrung zu greifen und sie sich in den Mund zu schieben. Viele Eltern lassen das dann ganz intuitiv zu und stellen vielleicht fest, dass das besser funktioniert, als Brei zu füttern.

Welche Voraussetzungen gibt es für Baby-led Weaning?

Auch wenn BLW so einfach und selbstverständlich scheint, sollten trotzdem einige Voraussetzungen erfüllt sein, bevor es losgehen kan

  • Ihr Baby soll Interesse an Lebensmitteln zeigen.
  • Es sollte greifen und die Nahrung gezielt selbst zum Mund führen können.
  • Es sollte mit wenig Unterstützung selbst sitzen können.
    Das bedeutet aber, dass ein Baby erst im Laufe des 2. Lebenshalbjahres fit ist für BLW. Und dass es wahrscheinlich über ein Jahr alt ist, bevor es ganz ohne Muttermilch auskommt. Denn selber essen kostet Energie und erfordert nicht nur Geschicklichkeit, sondern auch Ausdauer.

Welche Nahrungsmittel eignen sich für Baby-led Weaning?

Anfangs kann ein Baby noch nicht richtig abbeißen – es lutscht eher. Deshalb sollten Sie möglichst Lebensmittel mit weicher Konsistenz anbieten. Apfel oder Möhre sind anfangs eher ungeeignet, weil gröbere Stücke abbrechen könnten, an denen sich das Kind verschluckt. Ein Stück weiche Birne oder Melone, ein Brotstück oder eine Scheibe Pellkartoffeln sind leichter zu bewältigen. Auch Beeren oder Mini-Tomaten sind eine gute Wahl. Doch wie ist es mit Fleisch? Eisen ist ja im 2. Halbjahr knapp und sollte deshalb angeboten werden. Entweder entscheiden Sie sich für ein größeres Stück, an dem Ihr Kind saugen kann. Oder Sie versuchen es mit weichen, nur schwach gewürzten Hackbällchen.

Probieren Sie doch dazu eines meiner weiter unten stehenden Fingerfood-Rezepte für Babys aus.

Geeignete Lebensmittel für BLWUngeeignete Lebensmittel für BLW
Festes fein vermahlenes Vollkornbrot –ohne KörnerNüsse und Saaten
Gekochte, kompakte Nudeln (Spirelli, Hörnchen, Rigatoni)Pikant gefüllte Tortellini, Ravioli, Maultaschen (zu salzig)
Gegartes Gemüse am Stück wie Möhren, Brokkoli, Kohlrabi, Pastinaken, grüne Bohnen, SüßkartoffelnRohes, hartes Gemüse wie Möhren, Kohlrabi, Brokkoli
Weiches Gemüse wie Kirschtomaten oder GurkenscheibenAufschnitt und Hartkäse (zu salzig, zu eiweißreich)
Pellkartoffeln ohne SchaleChips
Selbst gemachte, salzarme, sanft gegarte Veggie-Bratlinge auf Basis von Getreide, Gemüse, HülsenfrüchtenFertiggerichte wie Fischstäbchen, Buletten, Schnitzel, Pizza
Selbst gemachte, salzarme, sanft gegarte HackbällchenErbsen und Zuckermaiskörner (wenn noch kein Pinzettengriff)
Selbst gemachte, salzarme Klößchen aus Fisch oder Grieß oder BrotRoher Fisch oder Fleisch
Kleine Brotstückchen, dünn bestrichen mit Butter, Frischkäse oder QuarkGewürzte Veggie-Brotaufstriche (zu salzig)
Fester, schnittfähiger Brei wie Polenta oder MilchreisWeicher Brei (weil ohne Löffel nicht essbar)
Dicke, selbst gemachte Pfannekuchenstückchen ohne ZuckerKuchen (zu viel Zucker)
Weiches Obst wie Beeren, Nektarinen, Mandarinen, Bananen, Birnen, Melonen, Pfirsiche, Pflaumen, MangosHartes Obst wie Apfel

Wie groß sollten die angebotenen Stücke sein?

Wenn Sie unsicher sind, welche Größe und Form geeignet ist: Nehmen Sie die Faust Ihres Babys als Maßstab. Da Babys ihre Faust nicht gezielt öffnen können, um Dinge loszulassen, empfiehlt es sich, Essen anzubieten, das die Form von Pommes oder einen „Griff“ hat. Beispielsweise der Strunk an einem Brokkoliröschen. So kann Ihr Kind das kauen, was aus seiner Faust herausschaut, und wird den Rest später fallen lassen. Sie werden auch bemerken, dass mit zunehmenden Fertigkeiten Ihres Babys weniger Essen übrig bleibt.

Wie oft am Tag sollte das BLW stattfinden?

Auch nach der Einführung des BLW bleibt die Milch zunächst das Hauptnahrungsmittel. Das heißt, es wird in der Regel weiterhin nach Bedarf gestillt. Empfohlen werden für Babys und Kleinkinder meist 5 Mahlzeiten am Tag – neben den Hauptmahlzeiten noch 2 Zwischenmahlzeiten. Viele Familien, die mit BLW starten, möchten die gemeinsamen Mahlzeiten dafür nutzen. Gerade zu Beginn und solange noch gestillt wird, reicht es, zu 1 bis 2 Mahlzeiten etwas anzubieten. Das gibt Ihrem Kind auch Zeit, sich an die ungewohnte Konsistenz zu gewöhnen. Wenn Sie allerdings anfangen, die Milchmenge zu reduzieren und abzustillen, sollten Sie gleichzeitig auch das BLW auf 5 Mahlzeiten erhöhen, damit Ihr Kind satt wird.

Was sind die Vorteile von Baby-led Weaning?

BLW macht Ihr Kind vertraut mit dem Geschmack „richtiger“ Lebensmittel. Denn im Brei ist ja alles gemixt. So setzt es sich von Anfang an mit verschiedenen Lebensmitteln auseinander und entwickelt seinen Geschmack. Der größte Vorteil ist sicher: Die Stillzeit verlängert sich, was nachweislich positiv für die Gesundheit Ihres Kindes ist. Denn bevor ein Kind selbstständig und ausreichend isst, wird es mindestens 1 Jahr alt sein. Außerdem werden Sie sich mehr Zeit für die gemeinsamen Mahlzeiten nehmen (müssen) – das tut der ganzen Familie gut.

Weitere Vorteile von BLW sind:

  • Babys sind eher bereit, an gemeinsamen Mahlzeiten teilzunehmen.
  • Babys essen frühzeitig eine große Auswahl an Nahrungsmitteln.
  • Durch das Greifen nach Essen wird die Hand-Augen-Koordination des Kindes geschult.
  • Das natürliche Sättigungsgefühl wird gefördert, da die Babys selbst entscheiden können, wann, was und wie viel sie essen wollen.
  • Durch die große Auswahl an verschiedenen Lebensmitteln wird der Geschmackssinn geschult, was im Erwachsenenalter zu weniger Abneigungen gegenüber Lebensmitteln führen kann.
  • Gesunde Zähne und Kiefern: Die Kauarbeit tut der Kiefermuskulatur gut und stärkt die Zähne.

Welche Nachteile sind mit Baby-led Weaning verbunden?

Auch wenn es so natürlich und selbstverständlich scheint: BLW erfordert Zeit, Geduld und etwas Fantasie bei der Nahrungszubereitung. Denn ein Brei ist schnell gefüttert bzw. geschluckt und die Flasche ist noch einfacher. Kinderärzte sehen BLW sehr kritisch, weil es zu Mangelernährung kommen kann (Verband der Kinder- und Jugendärzte).

  • Mit BLW dauert es länger, bis die Stillmahlzeiten ersetzt sind.
  • Elternteile, Großeltern oder Betreuer müssen für das Baby da sein: In der Kita wird keiner Zeit für BLW haben. Wer also schon früh wieder arbeiten muss oder will, der wird BLW nur zeitweise anbieten können.
  • Viel Essen landet auf dem Fußboden. Das macht viel extra Putz-Arbeit.
  • Reichlich Lebensmittel landen in der Tonne.
  • Das, was Ihr Baby tatsächlich isst, reicht lange nicht aus, um eine Mahlzeit zu ersetzen. Seinen Eisenbedarf kann es damit im 2. Halbjahr schwer decken. Auch Omega-3-Fettsäuren aus Seefisch wird es erst später bekommen. Insgesamt wird Beikost ja ab dem 5. Monat empfohlen, um das Risiko für Allergien zu senken. Mit BLW wird das sicher später werden.
  • Verschluckungsgefahr: 6 Monate alte Babys können Nahrung von einem Löffel mithilfe ihrer Oberlippe aufnehmen. Aber erst im Alter von ca. 8 Monaten sind so viel Zähne da, dass Babys kauen und stückige Nahrung herunterschlucken können. Die Einführung von Beikost verschiebt sich also nach hinten.
  • Es kann zu einer einseitigen und zu salzigen und würzigen Versorgung kommen. Denn das schnellste Fingerfood ist nun mal Brot und Gebäck, Pommes oder Nudeln, Hackbällchen, Wurst, Käse und Wienerle. Und die sind im ersten Jahr nur in Minimengen verträglich.

Was ist der Ursprung von BLW?

Es scheint auf den ersten Blick ungewöhnlich, einem Baby statt Brei gleich feste Nahrung anzubieten. Tatsächlich ist das nichts Neues und hat vermutlich eine längere Tradition als die Breikost. Mit dem speziellen Kochen von konsistenz- und geschmacksarmen Babybreien wurde nämlich erst im 17. bis 18. Jahrhundert begonnen. Davor gab es nicht die Möglichkeiten, Brei zu kochen, und es blieb nichts anderes übrig, als das Essen in kleinen Häppchen den Babys anzubieten – wenn die Muttermilch nicht reichte. Denn Säuglingsmilchnahrung gab es ebenfalls noch nicht. Sicher kaute die Mutter harte, feste Nahrung für ihr Baby auch durchaus vor, wenn es hungrig war – bei Naturvölkern wird das immer noch so praktiziert. Das, was heute unter BLW bekannt ist, hat also schon eine lange Vorgeschichte.

Mein Fazit

Babys nach Lehrbuch strikt nur Fingerfood anzubieten wird viele Familien überfordern. Auch wissen wir noch nicht, welche Nachteile das fürs Allergierisiko und für die Nährstoffversorgung mit sich bringt. Andererseits hat BLW dazu geführt, dass das Breischema nicht mehr so sklavisch durchgezogen wird, Babys früher mit der Familie essen, Eltern mutiger werden und die Kinder tatsächlich eigene Vorlieben entwickeln. Last, but not least führt es wahrscheinlich zu einer längeren Stillzeit – auch das ist gut. Eine ausgewogene Beikost, ergänzt von Fingerfood-Mahlzeiten ist deshalb ein Kompromiss, von dem alle profitieren.

Rezepte zum ausprobieren

Rezepte zum ausprobieren

  • Kinderwaffeln
  • Süßkartoffel-Toasts
  • Baby-Wraps

Dagmar von Cramm

Unsere Ernährungs-Expertin
hat bereits zahlreiche Bücher
und Zeitschriften über gesunde
Ernährung und Kochen veröffentlicht.
Ihr Spezialgebiet? Essen mit Kindern – schließlich ist sie nicht nur Food-Journalistin und Ernährungs-Wissenschaftlerin, sondern auch dreifache Mutter!

Fragen und Antworten zum "Meine Familie" Vorteilsprogramm