Abstillen ist manchmal nicht einfach

Stillen ist für Mutter und Kind gesundheitlich das Beste. Mediziner empfehlen, zumindest 5 bis 6 Monate zu stillen. Für die meisten Mütter ist die Stillzeit eine schöne und innige Phase, in der die Bindung zum Kind nochmal gestärkt wird. Auch wenn der Anfang nicht immer leicht ist. Wann die Stillzeit zu Ende geht, entscheiden Mutter und Kind. Meist geht das Schritt für Schritt. Manchmal gibt es auch Gründe, schneller abzustillen. Ein heißes Thema, das ich in diesem Artikel beleuchte.

Herzlichst
Ihre Dagmar von Cramm

Was bedeutet Abstillen und Entwöhnen?

Das sind zwei Begriffe, die einen Prozess beschreiben: Weg von der Muttermilch hin zur Beikost, bis die Trinkmahlzeit bei der Mutter endgültig durch feste Nahrung und Säuglingsmilchnahrung ersetzt wird.

  • Abstillen: Die Mutter hört mit dem Stillen auf. Das Kind bezieht seine Nährstoffe vollständig aus einer anderen Nahrungsquelle als der Muttermilch, nämlich Obst- Gemüse- oder Milchbrei bzw. Säuglingsmilchnahrung. Die Milchbildung der Mutter hört auf.
  • Entwöhnung: Dieser Begriff ist eher allgemein gefasst. So kann das Baby nicht nur der Brust entwöhnt werden, sondern auch der Flasche oder des Schnullers. Von Entwöhnung spricht man heute auch allgemein in Zusammenhang mit Suchterkrankungen.

Der beste Zeitpunkt zum Abstillen – gibt es den?

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt Babys in den ersten sechs Monaten ausschließlich zu stillen. Allergologen plädieren zumindest 4 Monate voll zu stillen. Aber wie sieht die Still-Realität in der Welt aus? Die Tabelle zeigt die Ergebnisse wie lange Mütter weltweit stillen oder vorhaben zu stillen:

Land

0-3 Monate stillen

3-6 Monate stillen

6-12 Monate stillen

12+ Monate stillen

Deutschland

15,4 %

34 %

36,1 %

14,4 %

Großbritannien

26,1 %

25,8 %

28,7 %

19 %

Frankreich

28,5 %

38 %

23,4 %

10,1 %

Brasilien

15,6 %

19,7 %

35,9 %

28,8 %

Kanada

13,5 %

31,5 %

33,5 %

21,5 %

Kolumbien

4,5%

26 %

40,4 %

29,2 %

China

7,2 %

27 %

49,3 %

16,2 %

Mexiko

8,5 %

37,5 %

39,5 %

14,5 %

Türkei

6 %

25,9 %

31,9 %

36,1 %

USA

20,2 %

24,9 %

9,5 %

25,4 %

Tabelle 1: Stillumfrage von Lansinoh Laboratories Inc., Hersteller von Produkten für die Stillzeit, Babypflege und die Kleinkindernährung, die anlässlich der Weltstillwoche 2015 durchgeführt wurde

Übersicht "Zeit zum Abstillen" ansehen

Auch wenn Frauen wissen, welche gesundheitlichen Vorteile die Muttermilch für ihr Baby mit sich bringt, stillen viele Frauen nicht so lange wie sie sich vorgenommen haben. Die Mehrheit der Mütter empfinden 6-12 Monate Stillzeit als ideal. In der Realität erreichen aber nur 42 Prozent dieses Ziel, da viele vorzeitig mit Stillen aufhören. Dagegen halten Mütter in Frankreich 3-6 Monate stillen für ausreichend, ein Viertel aller Französinnen sind der Meinung, das 0-3 Monate schon ausreichend sind. Das genaue Gegenteil zu Frankreich findet man in der Türkei. Laut der Befragten möchten mehr als 40 Prozent der Türkinnen länger als 12 Monate stillen. Das erreichen auch mehr als ein Drittel.

Die größte Herausforderung beim Stillen sehen die Mütter in den Schmerzen beim Stillen. Aber auch das nächtliche Aufstehen oder die Häufigkeit der Stillmahlzeiten sind Gründe, warum viele Mütter die geplante Stilldauer nicht schaffen und früher beginnen abzustillen als geplant.

Wann der beste Zeitpunkt zum Abstillen gekommen ist, lässt sich nicht pauschal sagen. Das entscheiden Mutter und Baby im besten Fall zusammen. Es gibt aber einige Anzeichen, an denen Sie erkennen, wenn es soweit ist, langsam mit dem Abstillen zu beginnen:

  • Ihr Kind ist fasziniert von dem Essen auf Ihrem Teller und greift danach
  • Ihr Kind verliert zunehmend das Interesse an ihrer Brust und wird leicht von anderen Dingen abgelenkt
  • Das Baby fängt an zu zahnen
  • Der Saugreflex geht zurück: es beginnt Nahrung vom Löffel aufzunehmen, später auch zu kauen und zu schlucken.

Der Idealfall wäre, wenn das Abstillen von Ihrem Baby ausgeht, weil dann das Abstillen von ganz alleine geschieht, ohne Ihr Eingreifen. Das passiert meist um den 10. bis 12. Monat. Danach trinkt es aus der Tasse. Vorteil: Sie brauchen weder Flaschen noch Sauger und Ihr Kind kann sich das Nuckeln gar nicht erst angewöhnen. Wenn Sie als Mutter abstillen wollen, kann das zwischen einigen Tagen oder Wochen bis hin zu mehren Monaten dauern. Geduld ist hier gefragt. Allerdings ist langsames Abstillen schonender für die Brust und auch für das Kind harmonischer. Denn Abstillen ist immer mit einem Abschied verbunden ist, sowohl für Sie als auch für Ihr Baby.

Gründe gegen das Abstillen

Kein guter Zeitpunkt ist, wenn das Baby gerade krank ist oder ein Zahn durchbricht. Auch bei Veränderungen wie Umzug oder Ferien ist es nicht sinnvoll, gleichzeitig diese große Umstellung zu beginnen: Das stresst das Kind. Aber wenn Ihr Baby zunehmend Beikost isst, dann ist der natürliche Zeitpunkt, weniger Brustmahlzeiten zu geben – die Milchbildung pendelt sich dann auf ein niedrigeres Niveau ein.

Was sind die Nachteile eines schnellen Abstillens?

Gründe wie eigene Krankheiten, die berufliche Situation oder eine sinkende Milchbildung erfordern ein schnelles Abstillen. Abruptes Abstillen bedeutet, dass alle Stillmahlzeiten direkt durch feste Nahrung oder Säuglingsmilchnahrung ersetzt werden. Nachteil hierbei ist, dass es Ihr Baby verunsichern könnte, gerade wenn es noch nicht von sich aus nach festen Speisen verlangt. Außerdem kann es durch die Umstellung Verdauungsprobleme bekommen. Zudem kann es auch für Sie körperlich unangenehm sein, da die Milchmenge nicht auf schonende Weise reduziert wird und es zu einem Milchstau kommen kann.

Abstillen – wie leite ich die Entwöhnung am besten ein?

Langsam abstillen und jede einzelne Stillmahlzeit Schritt für Schritt durch eine Breimahlzeit ersetzten ist am harmonischsten für Sie und Ihr Baby. Das dauert einige Zeit, aber bleiben Sie geduldig.

Zudem sollten Sie ihr Kind auf das Abstillen behutsam vorbereiten. Erzählen Sie ihm während des Stillens, dass Sie bald damit aufhören wollen. Vielleicht versteht es die Worte noch nicht, aber es spürt Ihre Überzeugung und merkt, dass alles in Ordnung ist. Im Laufe des Abstillprozesses wird Ihr Kind auch zunehmend das Interesse an der Brust verlieren und mehr nach festen Speisen verlangen. Fangen Sie damit an, bei der Stillmahlzeit am Vormittag oder Mittag etwas Brei zu geben. Vorteil: Das Baby ist zu dieser Tageszeit wach, neugierig und damit offen für neue Geschmäcker und Substanzen. Sie sollten aber am Anfang noch davor, während oder hinterher stillen. So kann Ihr Baby den Brei am besten verdauen.

Mit einigen Tipps klappt der Übergang zur Beikost ohne Probleme und das Abstillen gelingt ganz natürlich:

  • Bieten Sie ihrem Baby nur die Brust an, wenn es deutlich danach verlangt
  • Versuchen Sie die Stilldauer zu verkürzen. Statt fünf Minuten geben Sie ihrem Baby nur 3 Minuten die Brust. Im Anschluss können Sie Ihrem Baby ein paar Löffel Obstbrei anbieten. Oder Sie beginnen mit dem Brei – wenn es nicht protestiert.
  • Die Milch-Mahlzeit zuerst ersetzten, bei der Sie ohnehin am wenigsten Milch haben und auch der Hunger des Kindes nicht allzu groß ist. Am besten starten Sie mit der Beikosteinführung nachmittags und nicht morgens nach einer langen Nacht.
  • In der Regel dauert es bis zu einer Woche, bis eine Stillmahlzeit ersetzt ist. So können Sie innerhalb von 3 Wochen ganz abstillen.
  • Wer mag, kann noch morgens und abends stillen – die Milch wird automatisch weniger werden. Da geht es dann eher um die Zweisamkeit.

Wenn Ihr Kind allerdings die Beikost verweigert und partout nach der Brust verlangt, ist es vielleicht noch zu früh. Richten Sie sich, wenn möglich, nach dem Tempo Ihres Babys. Denn für das Kind ist Stillen nicht nur mit Sättigung verbunden, sondern gibt ihm das Gefühl von Zuwendung und Geborgenheit.

Das hilft Ihnen beim Abstillen

Ihre Brust wird nach dem Abstillen wieder kleiner werden. Deshalb sollten Sie schonend abstillen, damit das Gewebe sich zurückbilden kann. Hier einige Tipps, um die Milchbildung innerhalb weniger Tage deutlich zu reduzieren und bald ganz versiegen zu lassen:

  • Flüssigkeit: Trinken Sie weniger als sonst – und natürlich keinen Milchbildungstee.
  • Salbeitee: Um die Milchproduktion rasch zu reduzieren, sollten Sie statt dessen Salbeitee trinken
  • Der richtige BH ist entscheidend: Knapp sitzende BHs schränken die Durchblutung in der Brust ein. Dadurch wird auch die Milchproduktion reduziert. Sie sollten aber darauf achten das der BH Sie an keiner Stelle abklemmt. 
  • Ausreichend kühlen: Auch durch Kühlung kann die Durchblutung eingeschränkt werden: Magerquark (Zimmertemperatur) fingerdick auf eine Mullwindel streichen, auf die Brüste legen und mit einem Frotteehandtuch abdecken. Eine halbe Stunde einwirken lassen, anschließend mit lauwarmem Wasser abspülen.
  • Massieren: damit es nicht zu einem Milchstau kommt, hilft es die Brust regelmäßig zu massieren. 
  • Nachfrage reduzieren: Pumpen Sie nicht zwischendurch ab, da Sie sonst die Milchbildung anregen. Auch jedes Anlegen lässt die Milchmenge wieder steigen. Nur wenn die Spannung zu groß wird, können Sie behutsam etwas Milch ausstreichen.
  • Medikamente: Wenn es zum Milchstau kommt, können sogenannte Prolaktinhemmer helfen. Diese verhindern die Bildung des Stillhormones Prolaktin und damit auch die Milchbildung. Am besten fragen Sie Ihren Frauenarzt.

Was mache ich, wenn mein Kind sich nicht abstillen lässt?

Wenn sich Ihr Kind trotz mehrerer Versuche nicht abstillen lassen will, sollten Sie es, wenn möglich, noch etwas verschieben und zu einem anderen Zeitpunkt noch einmal versuchen. Wenn Sie aber abstillen müssen oder wollen, können folgende Tipps helfen:

  • Gewohnheiten ändern: Hat Ihr Baby beispielsweise seine letzte Stillmahlzeit vor dem Einschlafen bekommen, lassen Sie diese weg und überlegen sich für den sanften Übergang ein anderes Einschlafritual, wie eine Bauchmassage oder ein Wiegenlied.
  • Eine andere Stillpositionen ausprobieren: Wenn Sie Ihre übliche Stillposition ändern, ist es für Ihr Baby ungewohnt. Dadurch empfindet es das Trinken als unangenehmer und hört von alleine früher auf.
  • Von der Stillroutine abweichen: Wurde Ihr Kind bisher nachts, wenn es wach wurde gestillt, schicken Sie den Vater um es zu trösten. Dadurch kann es nicht automatisch nach Ihrer Brust verlangen.
  • Vaterzeit: Haben Sie einen kleinen Sturkopf zu Hause und die anderen Tipps helfen nicht, überlassen Sie Ihr Baby seinem Vater. Meistens klappt es dann doch erstaunlich gut, wenn der Vater das Füttern übernimmt. Ihr Baby sollte aber über sechs Monate alt sein.

Behalten Sie im Kopf, dass nur Sie und ihr Kind entscheiden, wann der richtige Zeitpunkt zum Abstillen gekommen ist. Lassen Sie sich nicht durch ihre Umgebung beeinflussen und entscheiden Sie selbst, was für Sie und Ihr Kind gut ist.