Hilfe, mein Kind beißt!

Warum Kleinkinder beißen und was Eltern tun können

Beißen ist eine körperliche Grenzüberschreitung und ein beißendes Kind löst oft starke Gefühle bei allen Beteiligten aus. Eltern schämen sich, gebissene Kinder entwickeln Ängste oder Misstrauen und kleine „Beißer“ werden abgestempelt oder sozial ausgegrenzt. Eine schwierige Situation, in der Kleinkinder auf Hilfe und Unterstützung von uns Erwachsenen angewiesen sind. 
Aber wie sollten Sie sich als Eltern verhalten, wenn Ihr Kind beißt? Welche Ursachen stecken eigentlich dahinter? Und was können Sie tun, damit es gar nicht so weit kommt? Das alles lesen Sie hier! 

Alles Gute!
Ihr „Meine Familie“ Team

1. In welchem Alter tritt Beißen bei Kindern auf?

Beißen äußert sich bei Kleinkindern in der Regel im Alter von ein bis drei Jahren. In dieser Altersspanne ist auch von der sogenannten Trotzphase die Rede. In dieser Lebensphase meistert Ihr Kind gleich mehrere wichtige Entwicklungsschritte:

  • Die sprachliche Ausdrucksfähigkeit wird langsam ausgebaut,
  • Emotionen müssen unter Kontrolle gebracht werden
  • und neben den eigenen Bedürfnissen spielen plötzlich auch die Wünsche und Gefühle der anderen eine Rolle (Perspektivenübernahme).

All diese „Baustellen“ sind für Kleinkinder große Herausforderungen – nicht alles gelingt sofort, Frustration ist vorprogrammiert. So werden Verhaltensweisen wie zum Beispiel Beißen zur verlockend einfachen Alternativstrategie. Für Sie als Eltern sind diese typischen Entwicklungsthemen wichtige Ansatzpunkte, um Ihrem Kind in dieser chaotischen Phase verständnisvoll und lösungsorientiert zur Seite stehen zu können.

Unser Tipp vorweg: Werten Sie das Beißverhalten Ihres Kindes nicht als fehlerhaftes Verhalten oder elterliches Versagen, sondern als Chance! Beobachten Sie aufmerksam, in welchen Situationen das Beißen auftritt, lernen Sie Ihr Kind besser kennen und leisten Sie liebevolle Unterstützung.

Beißen in der Kita

Beißen passiert meistens dort, wo Kleinkinder aufeinandertreffen und soziale Interaktion gefragt ist, zum Beispiel in der Kita. Hier sind geschulte Erzieher/-innen gefragt. Aber auch zu Hause oder in gewohnter Umgebung kann es dazu kommen, dass Kinder ihre Eltern oder Geschwister beißen. Umso wichtiger, dass alle wissen, was dahintersteckt.

Achtung bei Beißverhalten im Vorschulalter

Bei Kindern, die auch über das Kleinkindalter hinaus durch Beißen auffallen, sollte unbedingt fachliche Hilfe (zum Beispiel Erziehungsberatung) in Anspruch genommen werden.

2. Warum beißen Kleinkinder?

Die Gründe, warum Kinder beißen, sind vielfältig und hängen immer von der Persönlichkeit des Kindes und der jeweiligen Situation ab. Klar ist jedoch: Kleine Kinder beißen fast nie aus Bösartigkeit. Ganz im Gegenteil – oft sind beißende Kinder überfordert, sehnen sich nach Aufmerksamkeit, fühlen sich unverstanden, hilflos oder ängstlich. In der Fachliteratur werden vor allem drei Bereiche angeführt, die als Ursache für Beißverhalten infrage kommen:

  • die kindliche Entwicklung,
  • äußere Einflüsse durch die Umgebung,
  • die Gefühlswelt des Kindes.

Was es mit diesen verschiedenen Ursachen auf sich hat, erklären wir Ihnen im Folgenden.

Ist Beißen eine aggressive Verhaltensweise?

Beim Stichwort „Beißen“ denken viele Menschen unmittelbar an aggressives Verhalten, Streit oder Auseinandersetzung. Tatsächlich passieren die meisten kindlichen „Beiß-Attacken“ aber eher aus Hilflosigkeit oder wenn Kinder ihre Umwelt mit dem Mund erforschen.

„Kinder erforschen die Welt mit dem Mund“

3. Beißen als Teil der kindlichen Entwicklung

Ob Sand oder Gänseblümchen, Bauklotz oder Fernbedienung – Kleinkinder stecken sich alles in den Mund. Diese mundmotorische Erforschung ist ein ganz natürliches Bedürfnis und Teil der kindlichen Entwicklung. Mit dem Zahnen kommt verständlicherweise der Wunsch, die neuen Beißerchen auch anzuwenden und auf verschiedenen Materialien zu beißen und zu kauen. Gut gemeinte Verbote oder übertriebene Vorsicht können dazu führen, dass dieses Bedürfnis nicht ausreichend befriedigt und das Beißverhalten ungewollt begünstigt wird.

Unser Tipp: Auch wenn es manchmal Zeit und Nerven kostet – lassen Sie Ihr Kind so viel wie möglich mit dem Mund erforschen, entdecken und ausprobieren und fördern Sie mundmotorische Erfahrungen mit entsprechendem Spielzeug (zum Beispiel Beißring, Puste-Spiele oder Kau-Spiele).

Ebenfalls fest in der kindlichen Entwicklung verankert ist der Wunsch nach Selbstwirksamkeit und danach, den Zusammenhang von Ursache und Wirkung (Kausalität) zu erleben. Kleinkinder möchten wahrgenommen werden und erfahren, dass ihre Handlungen Auswirkungen auf ihre Umwelt haben. Beißen bietet dabei einen besonders effektiven Weg. Schließlich sorgt es für eine unmittelbar spür- und hörbare (Schmerz-)Reaktion beim Gegenüber und verschafft ziemlich schnell die ungeteilte Aufmerksamkeit der Bezugsperson.

Unser Tipp: Bieten Sie Ihrem Kind eine interessante Alternative. Zeigen Sie, dass es auch andere mundmotorische Erfahrungen gibt, die in Ordnung sind – zum Beispiel ein Küsschen auf die Wange. Auch mit Spielzeug können Ursache und Wirkung ganz ohne Zubeißen erforscht werden – etwa durch das Spiel mit physikalischen Gesetzmäßigkeiten oder beim Erzeugen von Geräuschen.

Äußere Einflüsse - warum Kinder beißen

4. Wie die Umgebung Beißen beeinflusst

Kinder sind auch nur Menschen – deshalb sind sie auch, genau wie Erwachsene, unzufrieden und angespannt, wenn ihre Grundbedürfnisse nicht befriedigt werden. Für Kleinkinder sind vor allem Hunger, langes Warten, Übermüdung, Langeweile und fehlende Rückzugsmöglichkeiten frustrierend. Auch bedrängende Situationen, zum Beispiel viele (fremde) Menschen auf engem Raum oder ständige Überstimulation durch zu viel Spielzeug, und äußere Reize können dazu führen, dass ein Kind sich einer unpassenden Strategie wie Beißen bedient. Je mehr Sie all das bei der Gestaltung Ihres Tagesablaufs berücksichtigen, desto weniger Auslöser für unkontrollierten Spannungsabbau entstehen.

„Kinder brauchen Rückzugsmöglichkeiten und Ruhe“

Unser Tipp: Achten Sie ganz besonders darauf, dass Ihr Kind weder hungrig noch müde ist, wenn eine sozial fordernde Situation bevorsteht. Vermindern Sie übermäßige Außenreize wie laute Musik oder Unmengen an Spielzeug. Planen Sie Pausen und Ruhezeiten ein und durchbrechen Sie stressige Situationen rechtzeitig durch räumliche Distanz oder Hilfestellung.

Beispiel: Ihr Kind ist in der Kita beim Anziehen an der Garderobe immer sehr gestresst, weil es sehr laut und eng ist und andere Kinder ganz nah kommen. Signalisieren Sie, dass Sie das nachempfinden können, und bieten Sie eine einfache Lösung an. Etwa: „Hier ist es gerade ganz schön laut und hier sind so viele Kinder. Du kannst deine Jacke und deine Schuhe einfach mitnehmen und ganz in Ruhe da vorne auf der Bank anziehen. Ich komme mit dir.“

5. Beißen als Ausdruck der Gefühle

Stellen Sie sich vor, Sie sind müde, hungrig, angespannt oder frustriert. Und dann tut jemand etwas, das Ihnen gar nicht passt – nimmt Ihnen zum Beispiel etwas weg, das Sie gerade benutzen, oder kommt Ihnen ganz nah, obwohl Sie das nicht möchten. Da Sie nicht sprechen können, haben Sie keine Möglichkeit, Ihre Wünsche und Bedürfnisse zu äußern. Ganz schön frustrierend, oder?

Für Kleinkinder ist das oft Realität – für sehr viele Einflüsse und Reize von außen stehen nur wenige Handlungsstrategien zu deren Verarbeitung bereit. Deshalb werden Kleinkinder von ihren Gefühlen oft regelrecht überrollt und sind mit der Auswahl einer angemessenen Ausdrucksform überfordert.

„Kinder möchten ihre Gefühle und Bedürfnisse äußern“

Unser Tipp: Beobachten Sie Ihr Kind aufmerksam und bieten Sie ihm konkrete Handlungsmöglichkeiten an, mit denen es seine Emotionen eigenständig regulieren kann.

Für Kleinkinder können schon simple Worte wie „Mein“ und „Nein“ oder Stopp-Gesten durch einfache Körpersprache, Mimik oder Gestik eine entscheidende Erweiterung ihrer Handlungsmöglichkeiten darstellen. Plötzlich sind sie imstande, ihre Bedürfnisse angemessen zu äußern und ihren persönlichen Raum zu verteidigen.

Wer sprechen kann, muss nicht beißen!

Sprache bietet Ihrem Kind neue Handlungsmöglichkeiten in allen Lebensbereichen. Unterstützen Sie die Sprachentwicklung Ihres Kindes, indem Sie selbst viel sprechen, zum Nachsprechen animieren und regelmäßig vorlesen.

6. Was tun, wenn Ihr Kind beißt? So verhalten Sie sich richtig.

Das Wichtigste bei einem Beißvorfall ist, dass Sie schnell darauf reagieren. Nur so kann Ihr Kind den Zusammenhang zwischen seinem Verhalten und den folgenden Konsequenzen herstellen – und im besten Fall daraus lernen.

Wir haben die wichtigsten Tipps für Sie zusammengestellt:

  • Schenken Sie zuerst dem Opfer Aufmerksamkeit! Trösten und beruhigen Sie das andere Kind, versorgen Sie gegebenenfalls die Wunde und schaffen Sie vorübergehend räumliche Distanz.
  • Wenden Sie sich erst dann Ihrem Kind zu und sprechen Sie mit fester und ernster Stimme. Machen Sie klar, dass Beißen keine akzeptierte Handlungsweise ist.
  • Passen Sie alles, was Sie sagen, an das Sprachvermögen Ihres Kindes an und benutzen Sie einfache Situationsbeschreibungen (zum Beispiel: „Du hast Tim mit deinen Zähnen wehgetan. Du hast ihn in den Arm gebissen. Er wollte deinen Traktor haben. Du kannst sagen: Nein, Tim!“).
  • Vermeiden Sie allgemeine Aussagen wie „Wir beißen nicht“ oder „Beißen ist nicht nett“ und nutzen Sie lieber situationsspezifische Formulierungen.
  • Vermeiden Sie Verneinungen und Fragen, die die Fähigkeit zum Perspektivwechsel voraussetzen („Wie würdest du es finden, wenn Tim dich beißt?“) – das verstehen Kinder noch nicht.
  • Gehen Sie in den Dialog: Sprechen Sie offen mit beteiligten Eltern, Kindern und Pädagogen über das Beißverhalten Ihres Kindes – nur so können Sie auf deren Verständnis und Unterstützung hoffen und die Situation gemeinsam in den Griff kriegen.
  • Wenn Sie selbst von Ihrem Kind gebissen werden, reagieren Sie mit einem lauten Aufschrei wie „Aua“ oder „Das tut weh!“ und schaffen Sie körperliche Distanz – so versteht Ihr Kind am besten, dass eine Grenze überschritten wurde.
  • Kleinkinder können noch nicht verstehen, warum eine Verhaltensweise in unterschiedlichen Umgebungen unterschiedlich bewertet wird. Beißspiele sollten deshalb auf jeden Fall vermieden werden. Auch spielerisches Beißen bei Erwachsenen kann dazu führen, dass Kinder dieses Verhalten imitieren.

Bisswunden immer ernst nehmen!
Eine blutende Bissverletzung kann sich entzünden – gehen Sie auf Nummer sicher und suchen Sie bei Bisswunden einen Arzt auf.

Die häufigsten Ursachen für Beißen bei Kleinkindern – das können Eltern tun!

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