Mit Liebe und klaren Regeln aggressiven Kindern helfen

Im Alter von ungefähr zwei Jahren lernen Kinder, wie Sozialverhalten funktioniert. Die ersten Grenzen werden ausgetestet und das Bedürfnis, sich durchzusetzen, wächst. Je nach Temperament und Lebenssituation ist in dieser Phase ein mehr oder weniger stark ausgeprägtes aggressives Verhalten zu beobachten. Entwickelt sich die verstärkte frühkindliche Aggression jedoch zu blinder Zerstörungswut und werden Menschen und Gegenstände zur Projektionsfläche, wird die Situation zur Belastung für die gesamte Familie. Auffälliges Handeln kommt bei Jungen im Allgemeinen drei- bis viermal häufiger vor als bei Mädchen. Jungen und Mädchen bringen ihre Aggressivität unterschiedlich zum Ausdruck: Während Jungen um sich schlagen, äußert sich aggressives Verhalten bei Mädchen häufig in Beschimpfungen, Beleidigungen und im fortschreitenden Alter in gezielten Kränkungen. Wissenschaftler sind dem Ursprung des Phänomens gesteigerter Aggressivität bei Kindern auf die Spur gekommen. Die Verhaltensmuster aggressiver Kinder werden bereits durch genetische Anlagen beeinflusst. So kann man bei Familien auffälliges Gebaren über viele Generationen hinweg beobachten. Zu einem weitaus größeren Teil wird das Verhalten aggressiver Kinder jedoch durch das Umfeld beeinflusst. Das Gebaren wird aufrechterhalten, wenn es sich lohnt:

  • Das Kind erreicht mit dem Tun sein Ziel. Beispiel: Durch einen Wutanfall vor dem Süßigkeitenregal wird die Mutter zum Kauf eines Schokoriegels gedrängt. Sie möchte kein Aufsehen erregen und gibt schnell nach. Dadurch verstärkt sie das negative Verhalten ihres Sohnes, denn er hat gelernt, dass sich ein Wutanfall für ihn lohnt. Seine Toleranzschwelle wird zukünftig immer geringer.
  • Das Kind bemerkt, dass es durch sein Agieren unangenehmen Situationen entgeht. Beispiel: Die Mutter sagt ihrer Tochter, sie solle ihr Zimmer aufräumen. Als Reaktion weint das Mädchen so lange, bis die Mutter einlenkt und selbst die Arbeit übernimmt. Die Konsequenz: Das aggressive Kind lernt, dass es sich durch einen Wutanfall oder Weinen vor einer unangenehmen Aufgabe drücken kann. Obendrein erhält es keine Strafe. Auch dieses Handeln hat sich gelohnt und wird in Zukunft wiederholt auftreten.
  • Nicht zu unterschätzen sind Probleme im Elternhaus. Vater und Mutter sind in vielerlei Hinsicht Vorbild für ihre Kinder. Verhaltensmuster, die von einem oder beiden Elternteilen vorgelebt werden, werden oft von aggressiven Kindern übernommen. Gerade Jungen unterliegen oft einem verzerrten Bild der Männerrolle, bei dem zum Beispiel der schlagende Vater Macht besitzt. Dieses Benehmen wird kopiert.

Auch Uneinigkeit in der Erziehung verwirrt Kinder. Ihnen fehlt eine Leitlinie, an der sie sich orientieren können. Fehlen klare Strukturen im Elternhaus, kann das Kind aggressiv werden. Auf der emotionalen Ebene entstehen Stresssituationen, wenn das Kind von Gleichgültigkeit umgeben ist oder mit Liebesentzug bestraft wird. Diese Verhaltensweisen Erwachsener verstehen Kinder nicht. Sie wollen geliebt werden. Ähnlich verhält es sich bei häufig wechselnden Beziehungen der Eltern oder mangelndem Kontakt zu einem Elternteil. Hier fehlen die Bezugspersonen und damit die Sicherheit im Leben. Tobsuchtsanfälle aggressiver Kinder sind oft ein Zeichen von Hilflosigkeit. Erziehungsfehler, wie grenzenlos eingeräumte Handlungsfreiheit oder übermäßiger Fernsehkonsum führen nicht selten zu Auffälligkeiten. Auch hier fehlen die Sicherheit gebenden Grenzen, an denen sich das Kind orientieren kann.

Hilfe für aggressive Kinder

Unabhängig von der Ursache können Eltern negatives Handeln ihrer Kinder durch Verhaltenstraining erfolgreich abbauen.

  • Entspannung Die physische und psychische Anspannung, in der aggressive Kinder leben, ist enorm. Um die Rastlosigkeit abzubauen, erfordert es sehr viel Training. Hilfreich sind Entspannungsübungen. Autogenes Training, meditative oder progressive Muskelentspannung lösen Blockaden. Für einen erfolgreichen Aggressionsabbau sollte der Nachwuchs täglich gezielte Übungen machen. Beispiel: Als allabendliches Ritual vor dem Schlafengehen hören Eltern gemeinsam mit ihren Kindern eine Entspannungs-CD.
  • Alternatives Handeln Aggressive Kinder leiden an einer undifferenzierten Wahrnehmung ihrer Umwelt. Sie verstehen die Signale, die andere ihnen senden, nicht. Die Verhaltensmuster anderer erkennen und deuten zu lernen, ist die Voraussetzung für das Verständnis anderer. Zusätzlich müssen Alternativen zum streitsüchtigen und gewalttätigen Verhalten trainiert werden. Dadurch lernt das Kind neben der Einschätzung der Situation, wie es richtig reagiert. In leichten Rollenspielen lernen bereits kleine Kinder ein der Situation angemessenes Verhalten. Autoritäres Schlichten dagegen erzielt keinen Lerneffekt.
  • Selbstwertgefühl stärken Das Selbstbewusstsein aggressiver Kinder ist meist wenig ausgeprägt. Sie versuchen, sich durch auffälliges Verhalten gegenüber anderen zu behaupten und meinen, ihre Interessen auf diese Art und Weise durchsetzen zu können. Aggressive Kinder sind auf Stärkung und Lob durch ihre Eltern und ihr Umfeld angewiesen. Sie müssen erfahren, dass sie wertvoll sind und positives Agieren belohnt wird.
  • Selbstkontrolle erlernen Aggressiven Kindern, die in ihrem bisherigen Leben vieles durch Gewalt gelöst haben, fällt es schwer, an die Macht des gesprochenen Wortes zu glauben. Sie lösen ihre Probleme durch körperliche Überlegenheit. Die Erziehung zur Selbstkontrolle durch Nutzung der geistigen Fähigkeiten wird für aggressive Kinder eine neue Erfahrung sein. Konsequenz ist dabei äußert wichtig. Nur, wenn kein Fehlverhalten toleriert wird und Kinder immer wieder zur Selbstkontrolle angehalten werden, lassen sich Kinder auf die neue Erfahrung ein. Rollenspiele helfen beim Erreichen des Ziels.
  • Einfühlungsvermögen schulen Eine Situation objektiv zu beurteilen, ist nicht leicht. Um dies zu tun, muss man in der Lage sein, sich in andere hineinzuversetzen. Aggressive Kinder besitzen diese Fähigkeit nicht. Um das Einfühlungsvermögen zu schulen, sollten Eltern sich zusammen mit ihren Kindern mit Gefühlen auseinandersetzen. Was bedeutet Angst und Fröhlichkeit? Wie reagiere ich, wenn ich traurig oder ängstlich bin? Regen Sie Ihr Kind an, sich mit der Mimik anderer auseinanderzusetzen. Welche Gefühle kann ich in einem Gesichtsausdruck lesen?

Aggressive Kinder brauchen Grenzen

Nachdem die Kinder einen gewaltfreien Umgang mit Problemen erlernt haben, sollte im Elternhaus der Grundstein für eine glückliche Kindheit gelegt werden – durch einen klaren Erziehungsstil mit festen Regeln und Grenzen, die den Kindern die Sicherheit geben, die sie in ihrem jungen Leben benötigen. Das verlangt von den Eltern einen bewussten Umgang mit ihren Kindern und die Disziplin, nicht in alte Verhaltensmuster zurückzufallen.